„Modell Finja“

Wenn aus alten Festzelten individuelle Büchertaschen werden

© Stadt Schwäbisch Hall - Pia Reiser
© Stadt Schwäbisch Hall - Pia Reiser
© Stadt Schwäbisch Hall - Pia Reiser

Dieses Projekt liefert einen Beitrag für folgende Nachhaltigkeitsziele:

Immer wieder passiert es mir selbst: der spontane Einkauf endet spätestens beim Einpacken der vielen Produkte im Fiasko. Weil ich keine Extra-Tasche eingepackt habe und nicht die nächste Mehrwegtasche kaufen möchte. Die liegt dann nämlich beim nächsten Einkauf wieder daheim in der Schublade mit 99 anderen Beuteln. Eine ausleihbare Tasche, die ich wieder zurückgeben kann, das wäre was…

Für unsere Bibliothekskund*innen weiter gedacht bedeutete dies, zunächst einmal im Team zu überlegen, aus welchem Material die perfekte ausleihbare Bibliothekstasche sein sollte. Bedruckte Stofftaschen, wie wir sie bisher für unser Kulturbüro verkauft hatten, erschienen uns für den Mehrweg nicht hygienisch genug. Sie halten auch Regen nicht stand, ebensowenig wie faltbare Einkaufsbeutel aus dünnem Material. Abwischbar und regenfest sollte sie also sein, aber auch gerne gestaltbar. Unsere Kollegin Beate Wolf hatte den entscheidenden Tipp: Könnte man nicht recyceltes Material nutzen?

Mein Anruf bei unserem städtischen Klimabeaufragten Stefano Rossi war ein Volltreffer! Zufälligerweise hatte er erst kürzlich Kontakt zur örtlichen Firma Fairbag gehabt. Diese beschäftigt Mitarbeiter aus dem zweiten Arbeitsmarkt, die aus recyceltem Material Taschen herstellen. Erst kurz zuvor hatte die Firma eine große Lieferung alter Zeltplanen von Festzelten erhalten. Das Material entsprach genau unseren Anforderungen. Die Firmeninhaberin, Silvia Ritter, erwies sich als pragmatisch und flexibel. Stefano Rossi vermittelte, was die Maße und Kosten der neuen Bibliothekstasche betraf. Groß genug für Bilderbücher sollte sie sein, aber auch eine kleine Innentasche für CDs haben. Sie sollte nicht zu groß sein, damit sie beim Fahrrad fahren nicht in die Speichen gerät. Ein ausgedienter Anschnallgurt wurde zum verstellbare Umhängegurt.

Der erste Prototyp gelang, gefiel und verhedderte sich auch nicht in Rossis Fahrrad. Vom innenliegenden Barcode verabschiedeten wir uns nach einem Usability-Test: Die Taschen haben nun alle ein außen per Kabelbinder angebrachtes laminiertes Schild. Wir ließen 40 Taschen fertigen. Auf dem Deckel der Tasche blieb ganz bewusst einen freie, weiße Fläche. Wir wollten Kinder des städtischen Schul-Ferienprogramms in das Projekt einbeziehen. Sie sollten die Deckel ganz individuell bemalen. Das geschah im Rahmen der Themenwoche„Deine, meine, unsere Welt“. Diese 2019 neu geschaffene Themenwoche in Kooperation mit der Weltwerkstatt der Bildungsregion behandelte Themen des globalen Lernens, etwa fairen Handel, Umweltschutz und Klimawandel. In Workshops und Ausflügen wurde die Wichtigkeit von Klimaschutz und Nachhaltigkeit für die Schülerinnen und Schüler erfahrbar gemacht.

Stefano Rossi experimentierte, welche Farben das beste Farb- und Haltbarkeitsergebnis brachten. Mit Unterstützung von Silvia Ritter, Stefano Rossi und Bettina Hellebrandt, der pädagogischen Mitarbeiterin, waren 25 Kinder an der Breit-Eich-Grundschule dann richtig kreativ. Nach einem Theorieteil zum Thema Nachhaltigkeit und Upcycling haben sie verschiedene Motive zum Thema Natur und Umwelt auf die Taschen gezeichnet und sie so zu Unikaten gemacht. Wir waren begeistert von den Ergebnissen!

Bei einem Pressetermin nach den Ferien waren voller Stolz auch einige der jungen Künstler mit dabei. Die Taschen waren dann zunächst einige Wochen für die Besucherinnen und Besucher in der Stadtbibliothek ausgestellt und können seitdem ausgeliehen werden.

Sie werden auf das Leserkonto aufgebucht und sind wie Bücher vier Wochen ausleihbar, die Leihfrist kann bis zu zweimal verlängert werden. Da alle Kinder ihren Vornamen auf die Tasche geschrieben hatten, können sie unter dem Namen des jungen Künstlers im Bibliothekskatalog recherchiert, ausgeliehen und reserviert werden.
Als im Frühjahr 2020 während der ersten Wochen nach dem LockDown wieder vermehrt Familien die Bibliothek besuchen wollten kam es teilweise zu Wartezeiten. Unsere Auszubildende, Angela Leibel, hatte die Idee, in die Taschen verschiedene Kindermedien zu packen und an die Wartenden als „Wundertüte to go“ zu verteilen. Die Überraschungstaschen erfreuten sich sofort großer Nachfrage und in unseren übervollen Bilderbuchtrögen wurde es wieder etwas luftiger.

Ich habe mir ebenfalls eine Tasche vollgepackt, die ein Mädchen namens Finja gestaltet hat. Mit den derzeit ausgeliehenen Medien bringe ich „Finja“ dann wieder zurück in die Stadtbibliothek. Bis dahin ziert die Tasche mit der bunten Landschaft unsere Garderobe.