Geflüchtete als Kolleg*innen

Zukunftschance Ausbildung in der Stadtbibliothek Bremen

© Stadtbibliothek Bremen
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Dieses Projekt liefert einen Beitrag für folgende Nachhaltigkeitsziele:

Öffentliche Bibliotheken bieten erfolgreich schon seit vielen Jahren interkulturelle Angebote für ihre Kund*innen aus verschiedensten Kulturen an. Aktuell wächst das Verständnis dafür, dass neben diesen Angeboten auch die Vielfalt in den eigenen Teams ein großes Potential mit sich bringt. Doch Menschen mit Migrationshintergrund für einen Ausbildungsberuf zu gewinnen, der selbst den wenigsten Deutschen bekannt ist, scheint eine echte Herausforderung zu bleiben. Die Stadtbibliothek Bremen beteiligt sich an einem stadtweiten Projekt, mit dem seit 2014 Geflüchteten eine Ausbildung bzw. das duale Studium ermöglicht wird und darüber diese Gruppe der Migrant*innen erreicht wird: Das Projekt der Freien Hansestadt Bremen mit dem Titel „Zukunftschance Ausbildung“.

Mit diesem Projekt sollen gezielt Menschen mit Flüchtlingsstatus für eine Ausbildung oder ein duales Studium gewonnen werden. Um den Weg in die Ausbildung zu erleichtern, bietet dieses Projekt vorab eine so genannte Einstiegsqualifizierung (EQ): „Eine einjährige berufsvorbereitende Maßnahme, in der erste berufliche Handlungskompetenzen vermittelt werden“, beschreibt Jochen Kriesten, zuständiger Referatsleiter im Aus- und Fortbildungszentrum (AFZ). Nach diesem EQ-Jahr folgt der direkte Übergang in die meist 3-jährige, duale Ausbildung – in unserem Fall als Fachangestellte/r für Medien- und Informationsdienste (FaMI). Konkret bedeutet dieses Konzept, dass die EQler die Themen des 1. Ausbildungsjahres zweimal vermittelt bekommen. Um die Sprachbarrieren zu verringern, besuchen die EQler zusätzlich jeden Samstag Deutsch-als-Zweitsprache-Kurse (DaZ-Kurse) – als Ausgleich ist ein Werktag in der Woche frei. Ergänzend können jederzeit ausbildungsbegleitende Hilfen sowie fachspezifische Nachhilfe in der Berufsschule in Anspruch genommen werden.

Und wie sieht es in der Praxis aus? Vor allem der Anfang einer EQ ist schwer – sowohl für die Teilnehmer*innen als auch für die Bibliotheksmitarbeiter*innen. Wer erinnert sich nicht, an seine ersten Wochen in einer neuen Bibliothek mit vielen neuen Gesichtern und Namen. Hinzu kommen jede Menge neuer Alltagswörter aus Büro und Bibliothek. Doch Not macht erfinderisch und der Erfindungsreichtum unserer internationalen Azubis begeistert uns immer wieder, z.B. wenn die elementaren Büro-Utensilien mit Vokabelschildern beschriftet werden. Auch das Handy wird zu einem wichtigen Instrument der Kommunikation und ist aus dem Projektalltag nicht mehr wegzudenken: Mal eben das Übersetzertool nutzen, Fotos schießen und mit den entsprechenden Vokabeln beschriften, neue Wörter und ihre Aussprache speichern, um sie später wiederholen zu können – das private Handy wird zum multifunktionalen Hilfsmittel an allen Einsatzorten.

Neben diesem elektronischen Kommunikationsmittel sind aber auch der direkte Kontakt (nicht per Mail!) und der persönliche Umgang mit den EQlern eine ganz wichtige Basis, um mit ihnen die Herausforderungen des Berufsalltags zu meistern. Zu diesen Herausforderungen zählen, Strategien für die tägliche Mailflut zu entwickeln, das Berichtsheft zu führen, die Arbeitszeit für drei verschiedene Einsatzorte zu erfassen und die Handschriften der Kolleg*innen lesen zu lernen. Das klingt nach Kleinigkeiten, die man bei Azubis voraussetzen können muss? Das stimmt – und genau dafür ist die einjährige EQ als Vorbereitungsphase gedacht. Wer Deutsch gerade erst lernt, lernt nicht nur die Sprache, sondern auch eine neue Kultur mit ihren vielen non-verbalen Regeln und den Unterschieden zur eigenen Kultur kennen. Für Einige ist das inspirierend, für Andere hemmend bis verängstigend. Was für Deutsch-Muttersprachler meistens Kleinigkeiten sind, bedeutet für die EQler eine enorme Mehrbelastung. Für die Ausbilder*innen gilt es, das im Blick zu behalten und rechtzeitig für Entlastung und Motivation zu sorgen. Das klingt nach einem hohen Aufwand? Das ist es in den ersten Wochen auch – aber es lohnt sich für beide Seiten!